Heute morgen – man mag es kaum schreiben – im „Oh it's fresh“-Café:

Vor diesem Brötchenberg wird mir schlecht. Ist schon schlimm genug, dass man bereit ist, für nen Becher Kaffee gelangweilte 6 Mark abzudrücken. Aber die Brotmassen, in die man dabei schauen muss – hier als Tarnung Geniusfood genannt – sind Verzweiflungsschreie, genau wie Aperol Spritz und die Süßalksachen vor der Penny-Kasse. Alles fieser Dimmstoff, um uns 3 Gänge runterzuschalten und fertig zu machen. Vielleicht mal wieder einen Laden aufmachen, der Kaffeeeck heißt und da Salami-, Käse- und Negerkussbrötchen anbieten.
Es gibt Veranstaltungen auf denen man am liebsten niemand treffen möchte, den man schätzt. Weil die so dösig sind, dass man sich sofort schämt, nichts Besseres vorzuhaben. Das Leadawards Symposium am Freitag in den Deichtorhallen war so eine. Sinniert werden sollte zum 20-jährigen Jubiläum der Leadawards über die Auswirkungen der „Digitalen Revolution“ (Programm) auf Fotografie, Fernsehen, Werbung, Design und Presse. Fünf Bereiche, deshalb fünf Podien mit jeweils fünf Diskutanten – alle male. Deshalb hoch dosiertes gefiederspreizendes Gebaren von Männern, vor deren erklärendem Arbeitsfeld in der Klammer hinter ihrem Namen nicht selten ein „ehem.“ Stand: ehem. SAT1, ehem. Tempo, ehem. MetaDesign. Die Ehems wurden mit jüngeren Jetzigs kombiniert, wohl um die Kontroverse zu entfachen. Leider funktonierte das nicht, man spielte lieber Ringelreihen und machte sich dann über die zugegebenermaßen recht hilflos agierenden Moderatoren her. Worin sich alle einig waren bei einem Thema, über das sich doch so trefflich streiten lässt?
1. 96,2 % der Werber, Fotografen etc. machen Dreck, nur wir nicht
Wenn ich auf einer Werberfete bin, dauert es keine zwei Minuten, bis ich auf jemanden treffe, der damit hadert, eigentlich nur Reklame zu machen und nicht den wirklich heißen Scheiß, von dem er im GermanistikDesignKunststudium mal träumte. Um diesem Dilemma zu entkommen, gibt es nur zwei Wege: Kündigen oder Werbung zu Kunst erklären. Dann ist man über Bande ja wieder der Artist, der man immer sein wollte. Diese Strategie wurde auf dem LA-Symposium gefahren. Kunst machen laut der anwesenden Experten freilich nur 3,8 % der Werber, die anderen, ja die, die machen unakzeptablen Dreck. Hallo: In der Werbung geht es ums Verkaufen. Immer. Wenn sie nicht verkauft, ist sie auch nicht gut. Ein Künstler schert sich einen Dreck um die Verkaufe. Und auch meine Architekten- und Arztfreunde haben das Problem der Anspruchsvollen: Sie bauen schlechtere Häuser als sie könnten und arbeiten unter Bedingungen, die sie enorm verbessern könnten, wenn man sie ließe. Es geht doch immer darum, Qualität nicht nur zu denken, sondern auch in die Welt zu drücken. Da gibt es enorme Widerstände in einem System, in dem es eben doch am Ende meistens um Profitmaximierung geht. Warum also dieses Geseiere? Wem es wirklich gnadenlos um Qualität geht, der darf nicht nach der Quote schielen. Und wer den Mainstream verführen will, der wird eben Werber.
2. Blogger sind Kretins
Wie oft auf den Podien auf den Bloggern rumgehackt wurde, ist erstaunlich. Das seien Amateure, nicht zu vergleichen mit den Kommunikationsprofis auf den Podien. Gute Blogs schaffen es, gerade aus dem Seriellen, das im Netz eine nie geahnte Öffentlichkeit bekommen hat, Kunst zu machen. Diese beiläufige Ästhetik ist schon lange angekommen im Mainstream, nicht zufällig werden Blogger wie der Sartorialist gebucht, um Kampagnen für Tiffany, Gant oder Kiehl's zu stylen und zu fotografieren.
3. Die Ignoranz schamloser Überdosierung
In den letzten 20 Jahren fand nicht nur die Digitale Revolution sondern auch die Tilgung weißer Wände statt. Wenn ich früher mit dem Dampfer von Finkenwerder in die Stadt gefahren bin, dann sah der Dampfer aus wie ein Dampfer. Heute schippert er als Duschgel oder Star im König der Löwen verkleidet über die Elbe. Keine S-Bahn mehr oder Bildschirme, kein TV mehr ohne Werbeeinblendungen auch während der Filme. Ich mag die Astra-Werbung, aber wenn ich auf meinem 10-minütigen Weg ins Büro an 50 Astra-Plakaten vorbeiradeln muss, ist das einfach ne Overdose. Es wird immer schwerer, an der Werbung vorbeizugucken. Das nervt mich, die es anders kennt. Will auch nicht, dass meine Kinder das für normal halten. Auf dem LA-Symposium wurde zwar mal das Wort Verantwortung fallen gelassen, sowas aber ignoriert.
4. Die Verkennung der effektivsten Werbestrategie
Welche Werbung wirkt auf mich? Es sind die Vorschläge, die mir Amazon macht, wenn ich was kaufen will. Die sind erschreckend oft erstaunlich auf die zwölf und haben mich mehr als jede Kampagne der letzten 20 Jahre den Einkaufswagen füllen lassen. Das Netz ermöglicht es, die Kunden vieeeel besser zu verstehen und ihnen persönliche Päckchen zu schnüren, die wahnsinnig verführerisch sind. Die Tracking-Systeme werden immer besser, die Angebote treffsicherer. Das ist es, worüber wir nachdenken und sprechen müssen.
Wurde versäumt.
HÜBSCH: Über der ganzen Veranstaltung schwebte übrigens Antony Gormleys „Horizon Field“. Ein Kunstwerk, das Lärm machte, weil die Besucher eingeladen sind, es zu betreten, drauf rumzuhüpfen, es zum Schwingen zu bringen und es so mitzugestalten. Dieser Lärm, den Kunst machen kann, störte denn auch die Diskutanten sehr. Sie sprachen über die neue Medienkompetenz der Digital Natives, ließen aber die Zuhörer nicht mitreden. Hätte ja spannend werden und vielleicht ein paar Federn kosten können.

Thanks, Content Marketing Association. Das ist die britische Variante unseres deutschen Branchenverbandes Forum Corporate Publishing. Kann mir bitte mal jemand erklären, warum deren Website so viel mehr auf den Punkt ist als die der deutschen Schwester? Schickere Grafik, das Streaming der aktuellen Blog-Beiträge der Mitglieder, das Case Studies-Karussell – alles zeitgemäßer und so viel einladender – cool Britannia!

Gestalter, das ist ein höchstehrenwerter Job. Insbesondere wenn es gelingt, Dinge, deren Hässlichkeit man fatalistisch schon irgendwie akzeptiert hat, noch einmal neu zu denken. Und ihnen eine neue Form zu geben. Bei der Wetter-App Partly Cloudy ist das gelungen. Sie kommt ganz ohne fipsiges Wolkentropfensonnengewese aus, informiert vielmehr in schönster Sachlichkeit über das Wetter, das wir in der Welt zu erwarten haben. Ein Grund mehr mal zu gucken, ob in Reykjavik oder Sao Paulo gerade die Sonne scheint. Was in Hamburg in den nächsten Stunden am Himmel geschieht, will ich dafür gar nicht so genau wissen.
Ach, ja. Die ist auch hübsch – aber für meinen Geschmack zu Dieter Rams:

22.6. 21:10
Linker Fuß taub. Mildes Schwanken.
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Eintrag von Wolfgang Herrndorf. Sein Blog: Arbeit und Struktur. Befehl von ganz unten: lesen!
Basiert – schön gnadenlos – auf Manifest.
Ich habe Rainald Goetz immer bewundert. Sein Stirnschnitt: so kitschig, so pathetisch und jungshaft übertrieben und doch damals, 1983, genau auf den Punkt. Auf meinen jedenfalls. Einfach, weil er sich im Zeit-Interview als Genauigkeitsfanatiker bezeichnet, sei mal wieder an seine Nonchalance, seinen Stil und seine bedingungslose Schönheit – meine ich auch ganz direkt körperlich – erinnert. Ihn zu lesen kann niemals niemandem schaden. Ganz im Gegenteil. Ebenfalls aus dem Interview:
„Insgesamt bleibt das soziale Spiel für mich aber ein geheimnisvoller Vorgang. Erst im Nachhinein, wenn ich mir die Grobheit eines Verhaltens, einer Geste, einer Distanzlosigkeit erklären kann, ist es kein Problem mehr. Aber in dem Moment, in dem es passiert, in dem ich es beobachte: Irritation! Irritation!“
Weckt mich auf. Macht mich klar.

Vor 12 Jahren

1983

Heute
Man sieht Goetz sooooo an, das Bequemlichkeit nie eine Kategorie war in seinem Leben. Er ist ein absoluter Burner, ein Stresser. Er stresst sich selbst und alle, alle anderen. Immer volle Kanne, niemals Diät und deshalb wird er niemals ansetzen und immer wunderschön bleiben. Die Orchidee unter den Punks.
Merci.
Manche Dinge werden nicht wahrer, nur weil alle sie auf allen Kanälen ständig wiederholen. Das mit der Schnelllebigkeit des Internets zum Beispiel. Ein Post oder Tweet braucht eben doch noch länger ins Hirn des Adressaten als ein mündlich rausgehauenes Statement, man kann face to face ja sogar dazwischenquatschen. Und das Netz ist eben auch das größte Gedächtnis, dass wir jemals hatten. Online wird nicht selten an Asbach-Spuren nach Jahren der Stille einfach mal eben neu kommunikativ angedockt.
Ein Beispiel aus der aktuellen Corporate Communication gefällig? Voilà: Coke’s Herz-Quiz.
Coke Light ist wie Zippen in flüssig: Meine Freundinnen trinken sie (so wie sie rauchen), weil sie nicht dick werden wollen. Gesundheitsfaktor erstmal Banane – oder Mentos, wie dieses ca. sechs Jahre alte Video schön zeigt:
Wenn man heute das Video bei YouTube aufruft, sieht das wie folgt aus:

Bitte mal das Banner in der rechten oberen Ecke nicht ausblenden: Ja, tatsächlich, da featured Coke sein Quiz für Frauen, das den Damen ans Herz legt, mehr Sport zu treiben und sich doch bitte gesund zu ernähren – NEBEN dem Konsum von Coke light, versteht sich. Was so natürlich nicht gesagt wird. Finde ich lustig, gerade eine Gesundheitsaktion an ein Video zu flanschen, das den igittigen Dr. Mabuse-Faktor der Marke feiert. Ob der durch das etwas lahme Quiz neutralisiert werden kann? Wohl eher nicht. Andererseits: Das Video hat über 15 Mio. Hits, da wird das schlechte Gewissen den einen oder anderen User schon in die Arme des Personal Trainers treiben, dessen Dienste man im Coke-Quiz für ein Jahr gewinnen kann.

Bobby Womack, gibt nichts besseres für mich zurzeit. Gekauft in der wunderbaren Hanseplatte. Produziert von Damon Albarn und Richard Russel. Erinnert sich noch jemand an Teardrops on the Dancefloor? Großartig, wenn sich Leute so weiterentwickeln. Und herrlich ermutigend.
