Stehe ich am Kiosk, geht es mir neuerdings so wie vorm Joghurtregal im Supermarkt. Ich frage mich, ob das viele Bunte, was mich da anbrüllt, wirklich Vielfalt ist. Oder immer das gleiche Zeugs von unterschiedlichen Menschen, die eben einfach nur Geld machen wollen und Männer mittleren Alters engagieren, um mir die Welt zu erklären. Wenn das Schöne dann mal durchblitzt, ist das umso bemerkenswerter: Seit dem 22. Mai gibt es marereise Hamburg und das ist wirklich ein Grund zum Freuen. Nachdem die Kollegen im Sandtorquaihof das Kindermagazin „mare Ahoi“ nach nur 5 Ausgaben – habe das Mag erst mit der letzten Ausgabe entdeckt, in die der Abschiedsbrief hastig und offensichtlich nach Druckunterlagenschluss über das Editorial geklebt wurde – wegen magelnder Gewinnaussichten einstellten nun also ein neuer Versuch mit einem neuen Format.

Man wolle mit dem Mag, so die PM zum Erscheinen des Heftes, „die Hansestadt von ihrer Meerseite entdecken.“ Geschenkt, ist halt das Alleinstellungsmerkmal des Mutterblattes. Die liebsten Geschichten in marereise blicken nicht vom Meer sondern vom Herzen aus auf die Stadt der Städte. Die wunderbare Silke Burmester schreibt über die fein zementierten Abgrenzungsrituale der Hanseaten und betrauert das Verschwinden des Möweneis aus Hamburger Bratpfannen, was als Symbol für die Benettonisierung der Welt im Allgemeinen und Hamburg im Besonderen genommen werden soll: Alles wird immer gleicher, Sperrigkeit und Starrsinn schwinden. Man gibt sich heutzutage kompatibel und geschmeidig – im Marketingjargon: flexibel. Was ja das genaue Gegenteil von Heidi Kabel ist.  

Till Brigleb widmet sich auf sieben Seiten der HafenCity, dem, was einmal als neuer Leben-am-Wasser-Traum losflog und als stilloses Replikantentum einst wegweisender architektonischer Taten an den Hamburger Kais landete. Briegleb vertritt seine Thesen argumentationsstark, engagiert und mit dem Mut zum Fingerzeig auf die Feinde einer zeitgemäßen Neuerfindung der Stadt: Menschen wie „Hamburgs erster Geschmacksrichter in Architekturfragen, Oberbaudirektor Jörn Walter.“ Zudem verführt er mit bildstarker Schreibe dazu, seinen Thesen zu folgen: „Plötzlich sind keine architekturinteressierten Eltern mehr zu sehen, die ihre fußmüden Kinder durch die Straßen scheuchen, keine Rucksacktouristen auf roten Leihfahrrädern und auch keine Anzugträger, denen der Wind den Latte-macchiato-Schaum auf die Krawatte bläst.“ Schaum auf Krawatte ist schön und ich weiß genau, was der Autor meint. Obwohl es reine Erfindung ist, denn die Anzugträger führen ihren Latte stets durchs Trinkloch im Plastikdeckel ein. Ich weiß das, weil ich ja im HafenCity-Zoo arbeite.

marereise ist nicht nur gut geschrieben, es ist auch ruhig und schön bebildert und illustriert. Die Euro 8,50 – in den Zeiten kostenloser Magazinapps kommt einem das plötzlich so viel vor – sind bestens angelegt für diese Lektion in Stadtverständnis. Bitte kaufen, denn es wäre schön, weitere solcher Journale für andere Wasserstädte zu haben.

 

Ich nenn es eine gute Idee, Profis Empfehlungsmarketing: Die Erste Liebe Bar verbindet sich auf weißem Becher mit dem Stumptown Coffee in New York und ich fühle mich meiner Lieblingsstadt auch gleich viel näher. So einfach, so leicht. Schöne Orte führen zu weiteren schönen Orten. Daraus muss man doch irgendwas machen können ...

 

Wenn sich einer ein Logo auf den Arm tätowieren lässt, dann haben die Markenverantwortlichen offensichtlich etwas richtig gemacht. Freund Nils – forever Punk – hat sich doch tatsächlich diesen aufgeschlossenen Geist, geboren aus griechischem Harzwein, in die Haut stechen lassen. Ist ja auch hübsch direkt, die Botschaft: Retsina aus der Kellerei Malamatina schließt den Bauch auf und mit dem Bauch natürlich die Sinneslust im allgemeinen. Wikipedia ist zu entnehmen, dass der Umsatz der ältesten Kellerei Griechenlands sich nach eigenen Angaben im Jahr 2006 (die Griechen mal wieder – nicht gerade Aktualisierungsweltmeister) auf 28,170 Millionen Euro belief. Das bedeutete einen Reingewinn von 6,085 Millionen Euro. In Griechenland besitzt der Wein einen Marktanteil von 60 %, in Nordgriechenland 92 %. Na, wenn das kein Erfolg ist. Denke gerade über ein Logo für eines meiner kleinen Privatprojekte nach und deshalb wird es hier auf diesem lütten feinen Blog eine kleine Serie von Lieblingslogos geben. Der harzweinschlürfende Schlüsseljunge macht den Anfang – bald mehr und bis dahin ein herzhaftes Jámas!

 

Bewunderung ist schwierig. Ein Verriss wirkt immer unbestechlich und schreibt sich mit Schmackes. Außerdem sind kluge Geister geschult darin, sich über Kritik zu definieren. Gibt ja nun wirklich auch genug, was man scheiße finden kann da draußen. Wenig Übung habe auch ich im Gutfinden. Bei T.C. Boyle gibt es aber einfach keine andere Möglichkeit für mich, als vor Bewunderung im Boden zu versinken.

Lange war sein Erzählband „Zähne und Klauen“ meine Bibel, die ich zerlesen und zerknautscht überall mit hinschleppte und alle meine Freunde mit meinem manischen Propagandismus für dieses Werk unendlich nervte. Es schrie mich an: Hej, Schlauberger, tu mal bloß nicht so cool. Kein noch so heller Gedanke kann so scharf sein wie eine Raubtierkralle. Die Natur hat immer Recht. Sie ist stärker als wir, haut uns Schwächlinge im Zweifelsfall von den Socken. Sie sind und bleiben meine Freunde: Der Radiomoderator, der von seinem Lachundkrachsender dazu getrieben wird, Weltmeister im Wachbleiben zu werden, die Vogelkundlerin, die draufgeht, weils sie einfach wegpustet und schließlich der klassische Ami-Loser, der in der Bar einen Serval gewinnt und nur deshalb tapfer einsackt, weil ihm die Bedienung, in die er verknallt ist, beim Abtransport des Raubtiers hilft. Die hübsche Daria ist natürlich schon vergeben, das Raubtier verwüstet stellvertretend das Schlafzimmer. Und der Loser? Er säuft sich in den Tiermodus zurück und stellt sich der Wildkatze. Wie das ausgeht, müssen wir uns hübsch selbst ausmahlen. Mr. Boyle zieht am Ende die Schlafzimmertür vor uns zu. Heute ist der Meister Gast im Übel & Gefährlich, um uns seinen neuesten Schinken hinzuschmeißen. Jan Josef Liefers wird die Texte in deutsch lesen, m.E. eine völlig unnötige Maßnahme. Werde trotzdem da sein. Und Respekt zollen.

Ist ausverkauft.