Nach einem langen Tag gestern S-Bahn gefahren. Versuchte so auszusehen, als hätte ich nur einen und nicht 73 Gedanken im Kopf. Also ganz normal und irgendwie a-u-s-g-e-g-l-i-c-h-e-n. Lehnte dann wie immer so den Kopf gegen die Scheibe, kühlt ab. Mir drei Reihen gegenüber saß jemand ganz genau so da. Als ich scharf stellte, erkannte ich Ulrich Tukur. Er schaute mich an und lächelte. Was aus mir einen Stein machte, denn ich kenne den ja nur aus dem Fernsehen und da wird man ja nicht angelächelt – und tatsächlich gemeint. Also:

Lieber Ulrich Tukur,

falls Sie das hier lesen, möchte ich Sie wissen lassen, dass ich selbstverständlich gerne zurückgelächelt hätte gestern. Bin eigentlich ein sehr höflicher Mensch. Aber weil ich Sie als Schauspieler so schätze, fühlte ich mich sofort wie in einem Film, als ich Sie erkannte. Sie haben aus der S-Bahn eine Kulisse gemacht: Polanski verfilmt das Leben der Feltrinellis oder so. Und ich mittendrin. Das ist ein bisschen viel nach einem anstrengenden Tag als Büroarbeiterin. Vielleicht macht es Ihnen auch noch Spaß zu erfahren, dass ich mal ein Interview mit Ihnen gelesen habe, in dem Sie über die Liebe zu Ihrer Frau und den Ort sprachen, an dem Sie als Paar leben: Venedig. Wie Sie Ihnen sagte „Hier oder nirgends“ und Sie dann fix eine kleine Wohnung gekauft haben. War sehr beeindruckt, denn so muss es sein. Kann mir auch sehr gut vorstellen, im Alter in der Gondelstadt zu leben und mich in eine kleine, hübsche Antiquität aus Fleisch und Blut zu verwandeln. Dann sitze ich mit meinem Mann am Fenster, wir streicheln unsere knupseligen Hände und fragen uns, welcher Strolch nun schon wieder Tangoschuhe, E-Gitarre, Maronischneider und Jonathan Safran Sfoers „Alles ist erleuchtet“ versust hat. So oder ähnlich.

Ihnen auf jeden Fall alles Gute in Hamburg, das ja nun heute auch wunderschön ist.

Es winkt über Brücken

Claudia Lüersen

 

Haben schon wieder zwei Preise eingeheimst. Mit einem Bein schon im Termin eben die Info aufgeschnappt, dass wir beim International Corporate Media Award (ICMA) GOLD für Two for Fashion geholt und für unser gemeinsam mit Bertolli (Unilever) realisiertes Corporate Book Trattoria Tour den ICMA Award of Excellence verliehen bekommen haben. Und draußen vor der Tür haben sie gerade am Elbufer den Weihnachtsbaum zum Leuchten gebracht. Ehrlich jetzt, genau in diesem Moment. Schöne, aufregende Welt, nur mal unter uns: Du darfst Dich ruhig ein bisschen runterdimmen oder zumindest nicht immer gleich alles auf einmal auf mich abfeuern. Gehe gleich mal ne Runde shanten, um runterzukommen.

 

Schauen statt schwätzen: das Baumauge blickt voll durch

Anouk hat kürzlich die Kommentarfunktion ihres Blogs off geschaltet. Ihre Begründung: Ihre Leser kommentieren vergleichsweise spärlich und dann sähe es immer so aus, als ob niemand das Blog läse. Ist was dran. Ich selbst lese ihren Blog immer, käme aber nie auf die Idee, zu kommentieren. Hab' ja auch noch nie verstehen können, warum Menschen Leserbriefe schreiben. Bin aber auch eine andere Liga, altersmäßig jetzt. Ihre Blogyoungster-Kollegen haben schon mal 50 Anmerkungen unter einem Styling. Sind aber auch eher hingehuscht diese Posts, wie fallengelassene Taschentücher. Die hebt man dann schon mal auf. Anouks Posts nehmen sich dagegen wie ausgetüftelte Origamiskulpturen aus. Sie stopfen Schwätzern das Maul.

Ich sehe an den Zugriffszahlen meines kleinen Privatclubs, dass er recht gut besucht wird und frage mich natürlich manchmal, wer da so reinschneit. Wenn es sich bei den Gästen um Bekannte handelt, mailen sie mir auch schon mal das eine oder andere zu einem Post oder rufen mich an: Waaaaahnsinnig 2.0, Leute! Bin auf Veranstaltungen sogar mal auf meinen kleinen Webschuppen angesprochen worden – von Fremden. Fand' ich cool. Und will es in Wirklichkeit ja auch gar nicht anders haben als es ist. Wenn es Euch also Spaß macht, schaut weiter zu. Euren Teil denkt Ihr Euch ja sowieso.

 

Geteilte Unschärfe: Saal war schummrig, Hirne dafür helle

Ich weiß, zehn Tage sind in Nerdlogik Äonen, aber was solls. Vor zehn Tagen fand' das Barcamp Hamburg 2011 in den Räumen von OTTO statt. Es gibt hier jetzt keine lange Rezension des Events sondern einfach mal eine Würdigung der VeranstaltungsFORM. Habe das erste Mal gecheckt, wie zeitsparend und auf den Punkt so ein Camp ist. 400 Leute versammeln sich, alle, die eine Session halten wollen, stellen sich vor der Bühne an und erzählen in zwei Sätzen, was sie vorhaben. Dann melden sich Leute, die das gut finden (oder eben nicht). Wenn genug zusammenkommen wird die Session an das Timeboard gepinnt mit Raumbelegung. So hat man ruckzuck einen spannenden Kongress bestückt, der die Leute vor Ort auch wirklich interessiert. Ich hätte am liebsten jede zweite Session besucht: Wie man Websites auf Speed setzt, warum Google Facebook liebt, wie die Secure Cloud funktionieren kann, wie Koffein, Produktivität und Schlaf unter einen Deckel zu kriegen sind, was hinter der Produktionsablaufsteuerung Kanban steckt und wie Bewegtbild ohne Kamera in Apps zu integrieren ist – all das hätte ich gern genauer erfahren von den Jungs (und leider nur wenigen Mädels), die Muskeln allein am rechten Unterarm vom Laptopschleppen haben. Hatte aber nur kurze Reinguckzeit. Können nicht die Erwachsenentagungen auch mal als Barcamp organisiert werden? Wäre so viel weniger einschläfernd.

Thuy, René & Marta: Two for Fashion auf dem Barcamp 2011

 

Sticky heart.

 

Sascha Lobo hat auch mit Buchstaben gebastelt. Keine Bilder, wie ich, sondern neue Wörter. Und da er es klein und leis nicht so mag, hat er gleich 698 davon veröffentlicht. Eines davon hat mir gut gefallen: Präsentariat. Gemeint sind Agenturmenschen, die glauben, via Dauerpräsenz in den Räumen ihres Brötchengebers finanziell irgendwann mal upgegradet oder sonstwie respektiert zu werden. Wobei Chefiro Lobo nun auch nicht gerade Stammgast im Tschüssitariat ist. Der Mann ist auf den Social Media-Tagungen der Republik ungefähr so präsent wie Barbarella in Durand-Durands Lustorgel. Ist immer schon da, an Abschied nicht zu denken. Aber vielleicht ist das ja auch alles subversiver, als es auf den ersten Blick erscheint. Vielleicht macht er es ja auch wie die blonde Superastronautin: Setzt sich dem System voll aus, um es mit seiner Hyperhitze schließlich zu zerstören. Und dann rasiert er sich in aller Ruhe den roten Fächer ab, geht nach Hause und ist wieder der nette Nobody von nebenan.

 

Kopenhagen ist die Stadt der kostenlosen Magazine: Die Metro hat ein eigenes, in Cafés und Restaurants liegen sie herum, immer auf gutem Papier und – vergleicht man die Medien mit dem, was in Hamburg so an Freiblättchen rumflattert – relativ schick layoutet. Für Touristen gibt es die monatlich erscheinende „International Edition“ von WHERE2GO. Von vorn ein Veranstaltungskalender, fängt man hinten an, ein Stadtführer mit den üblichen Rubriken Essen, schlafen, shoppen, ausgehen, Kids. Das quadratische Mag ist überhaupt nicht ramschig, innen besticht die Gelassenheit, mit der man schönen Bildern doppelseitigen Raum gibt. In hiesigen Umsonstpostillen wird einem ja in der Regel das Kleinklein von Produkt- und Eventseiten in die Augen gerammt. Bei WHERE2GO ist es völlig anders. Portraitstrecken dauern schon mal 7 Seiten:

Und Modestrecken müssen nicht wie die Baulücken in der Hamburger Hafencity zugepflastert werden:

Sicher, ist manchmal sehr verspielt und nicht skandinavisch clean – aber die reduzierte Sachlichkeit der Holzanrichten ist eben auch nicht alles:

Manchmal müssen Wülste sein und Kurven und rosa Mieder und Masken und schwarzes Leder. WHERE2GO zeigt uns, dass es das alles auch gibt im sozialdemokratisch-ökonomischen Kopenhagen. Und das für lau.

 

Der Branchenverband Forum Corporate Publishing hatte gestern zum Executive Day nach Leipzig geladen. In hübscher Holzvertäfelung saßen die Herren und in homöopathischer Dosis auch die Damen Geschäftsführer und lauschten unterm Kronleuchter dem, was es so zu Editorial Shopping, Crossmedia und dem ganzen Pipapo rund ums Digitale Corporate Publishing zu sagen gibt. Selbstverständlich durfte als Best Practice ein Vortrag über Two for Fashion nicht fehlen. War hübsch. Auf den Punkt zusammengefasst von Dirk Ploss, bei OTTO Bereichsleiter Markenführung & Marketingkommunikation. Am liebsten hatte ich sein Chart, auf dem allein die Wörtchen: (Ehrfürchtiges Schweigen) prangten. Er hatte es reingeschoben, nachdem er kurz ein paar Zahlen zu OTTOs Businessvolumen vom Stapel gelassen hatte. Ahnen, was die Leute denken, wenn man was erzählt, und diese Ahnung in der Dramaturgie einer Präsentation berücksichtigen, so hält man die Hörer bei der Stange. Gilt ja für intelligentes Storytelling allgemein. 

Weitere Erkenntnisse: Das, was Auftraggeber für effizientes Corporate Publishing halten unterscheidet sich offenbar sehr von dem, was die Corporate Publisher darunter verstehen. Belegt in den Ergebnissen des aktuellen CP-Barometers, in dem die Best Practices, die Markenpartner auf der einen und Corporate Publisher auf der anderen Seite nannten, keinerlei Übereinstimmungen aufwiesen. Was das zu bedeuten hat, sollte noch einmal in Ruhe bei einer Fassbrause diskutiert werden.

Editorial Shopping im Luxussegment kann hübsch verpackt sein – und ein Blog gibt es jetzt auch dazu:

Wie führt man den manchmal etwas uneinsichtigen CIOs die gar nicht so unerheblichen monetären Effekte des eigenen Corporate Publishing vor Augen (und sichert damit den Etat fürs nächste Jahr)? Gina Duscher von T-Systems hat dazu ein paar sehr charmante Vorschläge gemacht, merci beaucoup!

Facebook mitten ins Gesicht geschaut hat Susanne Fittkau (Fittkau & Maaß Consulting GmbH) und in einer Studie herausgefunden, dass die Kunden auf der Fanpage einer Marke schon unterhalten werden wollen, im Facebook-Shop jedoch vor allem Rabatte und exklusive Sondereditionen suchen. Vorteile eben, die die Facebook-Verschmäher nicht haben. Verständlich.

Und Dr. Oliver Haas von der Dreamteam Academy wusste zum Thema „Corporate Happiness“ zu sagen, dass zu viel „positives Lob“ (gibt es auch negatives?) nicht gut sei. Lobe man beispielsweise eine Gruppe für ihre Intelligenz und die Vergleichsgruppe für Anstrengung, werden die Angestrengten – weil das ja ihr Erfolgshumus ist – sich weiter mehr anstrengen, auch wenn mal eine Trockenphase zu überstehen ist. Die Intelligenten haben in Dürreperioden das Gefühl, ihr Hirnschmalz versiege, sind entsprechend frustriert und geben dann schneller auf. Also sollte man am besten zwiespältiges Lob streuen, solches, in dem immer ein kleiner Stachel steckt, der einen piekst und ins Hamsterrad treibt. Ist das wirklich was für intelligente Arbeitnehmer? Herausgefunden haben wollen es mal wieder die Amerikaner. Na dann.

 

 

Was ist eigentlich so toll an Kopenhagen? Das wird jetzt hier mal erzählt in ein paar Posts, war nämlich gerade da.

Worte wie teori (Theorie), sky (scheu) und gammel (alt) machen an sich natürlich schon Spaß. Aber das ist ja all over Denmark so. Im Dansk Design Center wird erklärt, warum den Dänen Design so wichtig ist. Man wollte nach 45 einem echten Wohlfahrtsstaat Form geben und hat, bevor man sich hingesetzt hat, um alle Gegenstände neu zu überdenken, erst einmal Fragen gestellt: Was ist respektvoll dem Benutzer gegenüber? Was bringt die Gemeinschaft voran? In der Kreation wird der ersten Durchdringungsphase, dem Umkrempeln der Dinge die größte Bedeutung beigemessen. Sehr sympathisch, das entspricht genau meiner Arbeitsweise.

Den Resultaten dieser Gründlichkeit begegnet man in Kopenhagen an jeder Ecke. Ich gehe ja z.B. sehr gern baden. Mag See- und Freibäder. Okay, jetzt ist nicht mehr so ganz die Zeit aber selbst das Angucken der Bäder lohnt hier. Bestes Beispiel das Seebad im Stadtteil Kastrup:

Werde da im Sommer 2012 auf jeden Fall einen Köpper machen.

Schön auch zu sehen, dass eine Bäckerei sich wie eine Bar anfühlen kann. Ganz in schwarz gehalten sind die Filialen des Lagkagehuset. Zeug zum Anbeissen schimmert wie Schmuck in den Fenstern. Drinnen arbeiten Jungs mit verwuschelten Haaren in schwarzen T-Shirts, die aussehen, als hätten sie darin geschlafen. Die Männer verdienen eben die Brötchen, die Frauen kaufen sie ein. Das ist auch in Denmark noch die Regel. Deshalb die Jungs am Tresen – aus Respekt vor den Bedürfnissen der Kundinnen. Man steht im Lagkagehuset auch nicht Schlange – voll ist es immer – sondern zieht eine Nummer. Dann kann man lässig im Raum rumlümmeln. Ach ja, Brot und Gebäck sind auch fantastisch.

Und wir haben Backhus und Backfactory ...

 

 

Bin schon jetzt krank vor Sehnsucht nach diesem Konzert:

Nur James Blake kann die Welt mit einem Handstreich auf Luftballongeschwindigkeit bringen. Er macht aus Stille Kunst und nimmt mir die Angst vor der Traurigkeit. Mehr geht nicht.

 

Werd' ich tun. Danke Flickr, danke SgtSalt.

 

Pullover sind toll. Mein neuer ist aus der Bretagne von Saint James. Echtes Seemannsgarn. Vorn links über dem Herzen ist ein roter Pompon befestigt, wie er noch heute von der französischen Marine am Hut getragen wird, wenn die angeben wollen auf Paraden und so. Kann man aber auch abmachen und woanders hintun:

„Né de la mer“, lautet das Motto von Saint James. Bei mir ist's ja eher „Arbeiten am Fluss“. Immerhin. Brisentauglich ist der Pulli auf jeden Fall – kann es entspannt mit Dir aufnehmen, November.

 

Das erste Patent für die Wunderkerze wurde ausgerechnet in der Effizienzhochburg Hamburg ausgestellt. Will auch ein Patent. Vielleicht für einen Hahn, aus dem morgens Funken sprühen. Und wenn man sich darin die Hände wäscht, macht man den ganzen Tag nur wundervolles Zeug. Gelernt hab' ich das mit dem Patent in der Ausstellung Wunder. in den Deichtorhallen. Da geht es um den Mut, das Unmögliche für möglich zu halten und alles dafür zu geben, dass Unfassbares wahr wird. Mein Lieblingsobjekt ist eine Holzkugel, in die man hineinsteigen und den Himmel neu schauen kann. Fühlt sich an wie in einem Astro-Walfischbauch. Erst einmal muss man die Idee zu so einem Projekt haben, dann den langen Atem, sich an die pfriemelige Umsetzung zu machen und dann die Herzen finden, die es möglich machen, dass das Objekt in einer Ausstellung goutiert werden kann. Das Zusammenspiel all dieser Dinge: tatsächlich ein großes Wunder. Wie gute zeitgenössische Kunst.

„Die Ausstellung soll Lust machen, sich mit Gegenartskunst zu beschäftigen. Wir haben so viele Objekte auch der Nicht-Kunst, die Brücken schlagen können, damit Menschen, die Berührungsängste haben oder überhaupt keine Lust haben, sich mit Kunst zu beschäftigen, eine Idee davon kriegen, was für ein Geschenk es sein kann, sich mit Kunst – auch gerade heute in der Gegenwart – auseinanderzusetzen“, wünscht sich Kurator Daniel Tyradellis. Ich mir auch.

Wollte sofort mal wieder die Welt verändern als ich aus der Ausstellung kam. Gemach, gemach, das wird schon.